Corona-Nöte der Studierenden – Wie konnte das Beratungsteam des Studentenwerks helfen?

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Ein Rückblick mit Sozialberaterin Karolin Kozur

Die Beraterinnen des Studentenwerks Potsdam waren in den vergangenen drei Online-Semestern nah dran an den Sorgen und Fragen der Studierenden. Karolin Kozur, Sozialberaterin und Leiterin der Abteilung Beratung und Soziales, berichtet von den Schwierigkeiten, die sich für die Studierenden auftaten und wie ihnen geholfen werden konnte.

Was waren die größten Herausforderungen für die Studierenden im Jahr 2020? Wie konnten das Studentenwerk und andere Institutionen unterstützen?

Vor allem die finanzielle Situation hatte sich für die Studierenden mit dem ersten Lockdown von jetzt auf gleich verschlechtert. Jobs sind weggebrochen, eigene Einkünfte oder die der Eltern waren plötzlich nicht mehr im gewohnten Umfang verfügbar. Es gab dabei kaum Zeit, alternative Finanzierungspläne zu schmieden. Insgesamt waren gerade die ersten Pandemiemonate äußerst dynamisch. Das Studentenwerk Potsdam und auch die Hochschulen versuchten schnell zu reagieren und Lösungen anzubieten. Als Beraterinnen hatten wir immer ein Ohr an den Medien und anderen Informationsketten, um aktuelle Entwicklungen an Studierende weiterzugeben. Gerade in Bezug auf finanzielle Unterstützungsleistungen, wie z. B. die Überbrückungshilfe, waren teilweise falsche Informationen zu hören und zu lesen. Das führte bei den Studierenden natürlich zu Erwartungshaltungen, die gleichwohl nicht immer eingelöst werden konnten. In den ersten Lockdown-Wochen galt es vor allem tragbare Übergangslösungen zu finden. Im Laufe der Pandemie waren dann aber längerfristige Lösungen gefragt, sei es das Finden eines neuen Nebenjobs, die Umstrukturierung des Studiums oder das Einrichten im digitalen Studium.

Obwohl wir die Studierenden nicht vor Ort beraten konnten, fanden wir Mittel und Wege für sie da zu sein. Die Bereiche der Abteilung Beratung und Soziales haben Hand in Hand gearbeitet und konnten den Studierenden so mit einer umfassenden Beratung zur Seite stehen.

Sind diese Sorgen und Nöte ausschließlich pandemiebedingt oder auch unabhängig davon zu betrachten?

Meine Beobachtung war, dass sich Krisen und Konflikte, die schon vorher bestanden, sich durch die Pandemiesituation verschärften. Das ausschließlich digitale Studium, das Arbeiten im Home Office und/oder die Kinderbetreuung auch in studentischen Haushalten machten diese Konflikte sichtbarer. Ähnlich verhält es sich bei finanziellen Problemen Studierender: Diese waren auch vor der Pandemie da, allerdings wurden diese teilweise mit Hilfen von Freunden, Leihgaben oder Einmaljobs so gut es eben geht bewältigt. Mit der Pandemie sind viele dieser Hilfen oder Jobgelegenheiten weggebrochen.

Mit welchen unterschiedlichen Hilfsangeboten von Bund, Land und auch von Seiten des Studentenwerks wurde darauf reagiert. Welche erwiesen sich als wirksam, welche eher nicht?

Schon seit jeher unterstützt das Studentenwerk Potsdam finanziell notleidende Studierende mit Einmalhilfen in Höhe von 300 €. Dieser Fonds war – wenig überraschend – stark nachgefragt und bereits im Mai 2020 ausgeschöpft. Danach waren uns was die Zuschüsse angeht erst einmal die Hände gebunden. Wir konnten allerdings noch zinsfreie Härtefalldarlehen vergeben.

Der Bund reagierte im Juni 2020 mit vorübergehend zinsfreien KfW-Studienkrediten und der Überbrückungshilfe, einer monatlich zu beantragenden finanziellen Hilfe, bei der eine pandemiebedingte Notlage nachgewiesen werden musste. Die Vergabe erfolgte über die 57 Studenten- und Studierendenwerke bundesweit. Bei dieser Hilfe wurden allerdings bestimmte Studierendengruppen ausgeschlossen, z. B. Studierende, die schon vorher in einer finanziellen Notlage waren, die aber nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Pandemie stand.
Das Land Brandenburg stockte im Folgenden die Einmalhilfen der Brandenburger Studentenwerke auf. Studierende konnten eine einmalige Hilfe beantragen, wenn die Ü-Hilfe aufgrund der Richtlinien nicht griff. Aber auch da war ein Pandemiebezug unerlässlich. Insgesamt kam diese Hilfe dann nur für sehr wenige Studierende in Frage.

Ich vermisse bei der Überbrückungshilfe aber auch bei anderen Unterstützungsleistungen eine differenzierte Sichtweise und dahingehende diverse Lösungsansätze für Studierende. Denn es gibt kaum noch die klassischen Studierenden, die nach dem Abitur BAföG oder Elternunterhalt erhalten und in Regelstudienzeit das Studium absolvieren. Die Lebensrealität sieht anders aus: Studierende gründen Familien, stehen erst mit beiden Beinen im Beruf und fangen dann ein Studium an, studieren bewusst länger, um mehr Erfahrungen auch im Ausland sammeln zu können, nehmen sich im Studium eine Auszeit, verfolgen ehrenamtliche Tätigkeiten und vieles mehr. Viele dieser Umstände werden in den gängigen Regularien nicht berücksichtigt.

Welche Studierendengruppen leiden unter den Auswirkungen der Pandemie deiner Beobachtung nach am meisten?


Mit gehörigen Problemen waren u. a. die internationalen Studierenden konfrontiert. Für viele unter ihnen sind die finanziellen Mittel in der Regel ohnehin schon eingeschränkt. Durch die Pandemie kam es zu zusätzlichen finanziellen Einschränkungen. Auch Sprachbarrieren machten die Sache teilweise kompliziert, gerade beim Stellen von Anträgen und überhaupt beim Verfolgen der permanent sich ändern Informationslage. Auch für diese Gruppe fehlten die passenden Nebenjobs. Teilweise war es für die Internationals nicht immer leicht, die Hilfe zu bekommen, die sie gebraucht hätten. Das lag u. a. an eingeschränkten und veränderten Öffnungszeiten von Ämtern, um z.B. die Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern.

Studierende mit Kindern mussten wie auch andere Eltern in dieser Zeit mit der Doppelbelastung aus Online-Studium und Kinderbetreuung umgehen lernen. In meinen Beratungen wurde mir berichtet, dass es schwierig war, allem gleichermaßen gerecht zu werden. Es fiel vielen schwer, sich auf das Schreiben von Haus- oder Abschlussarbeiten zu konzentrieren. Dazu kamen eingeschränkte Öffnungszeiten der Bibliotheken und das fehlende Campusleben. Es gab keine Räume außerhalb der vier Wände, die zum Lernen und Leben genutzt werden konnten. Vor allem letzteres wog für fast alle Studierendengruppen schwer. Die fehlenden Begegnungsräume wurden schmerzlich vermisst.

2020 sind die Beratungen deutlich angestiegen. Wie lautet Ihre Einschätzung: Eine Momentaufnahme oder auch zukünftig so zu erwarten?

Ich rechne damit, dass die Nachfrage nach qualifizierten Beratungen weiter auf einem hohen Niveau bleibt. Vor allem in nächster Zeit wird es eine zugespitzte Beratungsnachfrage in allen Bereichen der Abteilung geben.  Der Bedarf an Nebenjobs wird weiter steigen, da die Studierenden teilweise neben der Finanzierung des Lebens auch mit der Tilgung von Krediten oder Darlehen während des Lockdowns belastet sind. Die durch die Pandemie nicht eingeplanten Verzögerungen im Studienverlauf müssen von den Studierenden kompensiert und organisiert werden. Im Rahmen der Sozialberatung werden also weiterhin alternative Hilfen wie Wohngeld, Darlehen und Stipendien vermehrt nachgefragt werden. Aber auch Fragen zum Teilzeitstudium oder zur Beurlaubung vom Studium aufgrund psychischer Belastungen werden sicher eine vermehrte Rolle spielen. Die seelischen Auswirkungen werden sicherlich noch länger beschäftigen. Auch in der psychosozialen Beratungsstelle rechne ich also mit vielen Anfragen.