Eigene vier Wände statt WG?

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Wir wagen einen Blick in die Zukunft des studentischen Wohnens – Interview mit Anett Wallasch, Sachgebietsleiterin Bauen

Was lange währt, wird gut: So zumindest lässt es sich für den Neubau eines Studierendenwohnheims auf dem Universitätscampus in Golm festhalten. Anett Wallasch, Sachgebietsleiterin Bauen, berichtet über die zurückliegenden Herausforderungen des Bauprojekts und wagt einen Ausblick auf studentisches Wohnen in Zukunft. Das Interview führte Josephine Kujau.

Im Herbst 2019 konnte eine neue Studierendenwohnanlage auf dem Campus in Golm in Betrieb genommen werden. Worin lagen die besonderen Herausforderungen bei diesem Projekt?

AW: Das Projekt habe ich von meinem Vorgänger übernommen. Zu diesem Zeitpunkt war der Abbruch bereits im vollen Gange. Es war eine ziemlich angespannte Zeit, da wir bereits zu Beginn sowohl bei der zeitlichen als auch finanziellen Planung, in Verzug gerieten. Die drei ehemaligen Häuser 15, 16 und 17 waren mit Asbest belastet, was für den Abbruch einige technischen Besonderheiten mit sich brachte, die im Vorfeld nicht alle bekannt waren. Hinzu kamen Tier- und Naturschutzaspekte. Durch die Zeitverzögerung tangierten wir mit unserem Abriss plötzlich die Brutzeiten von Mauersegler und Haussperling. Diese mussten wir dann einfach abwarten. Die gleich am Anfang entstandene Zeitverzögerung konnten wir nicht mehr aufholen.

Nach dem Abriss waren wir guter Dinge, dass nun endlich gebaut werden konnte. Hier folgte der nächste Dämpfer, denn der Baugrund stellte sich als unerwartet schlecht heraus. So musste erst einmal eine umfassende Bodenverbesserung umgesetzt werden, bevor wir mit dem eigentlichen Rohbau beginnen konnten. Als der Rohbau startete, lief dann alles in ruhigeren Fahrwassern. Wir hatten eine sehr gute Rohbau-Firma, die dann im Zeitplan bleibend zügig agiert hat. Rückblickend kann ich sagen, dass wir trotz der angespannten Markt-Situation das Glück hatten, überwiegend mit zuverlässigen Firmen zusammen zu arbeiten. Obwohl es schon sehr auf Kante genäht war und die Baufirmen bei vergleichsweise vielen Aufträgen nicht immer ausreichend Personal hatten.

Unter diesem Zeitdruck zu arbeiten, das verlangt allen Beteiligten viel Kraft ab, allen voran den Planer, Bauherren und natürlich den schon erwähnten Firmen. Grundsätzlich war das Projekt von einem sehr knapp kalkulierten Budget flankiert: Maximale Plätze bei minimalen Kosten, so die Devise. Wir waren dabei immer wieder mit unvorhersehbaren Kostensteigerungen konfrontiert.

Wir mussten im Bauprozess teilweise von der ursprünglichen Planung abweichen, um einigermaßen im Budget bleiben zu können, zum Beispiel ein Material abändern oder bei der Fassade Abstriche machen.  

Wie sehr wird um ästhetische und funktionale Vorstellungen im Rahmen eines solchen Projekts gerungen?

AW: Bei der Fassade mussten gleich von Anfang an Kompromisse gefunden werden. Die Planer hatten Vorstellungen von attraktiven Laubengängen, die an den Süden erinnern und die Fassade auflockern. Diese Idee wurde aus Kosten- und Funktionalitätsgründen gleich zu Beginn abgewählt. Daraufhin hatten die Planer versucht, andere gestalterische Elemente einzubringen, die dann wiederum aufgrund von zu hohen Kosten abgewählt wurden.

Es gab ein großes Ringen um eine günstige aber zugleich auch ästhetisch aufwertende Lösung. Ich kann mit dem Ergebnis nun gut leben und freue mich, dass wir schlussendlich nicht ausschließlich funktional gedacht haben und auch einige Gestaltungselemente berücksichtigen konnten. In der fertiggestellten Fassade finden sich z.B. Vorsprünge wieder, die zudem farblich abgesetzt sind.
Die farbliche Gestaltung setzte sich dann bis in den Innenraum des Neubaus fort und wurde konzeptuell von außen nach innen transportiert.

Was zeichnet das neue Wohnheim aus?

AW: Aus architektonischer Perspektive betrachtet, finde ich, ist das neue Wohnheim etwas Besonderes. Ein sehr funktionaler Bau und dabei in seinen Strukturen sehr klar. Es besteht aus einem kubischen Baukörper, dazu ein Flachdach. Sämtliche Wohnflächen folgen einer klaren Ausrichtung. Helle, lichte Räume weiten sich wunderbar zur Zugangsstrecke auf. Das fügt sich zu einer großen Einheit mit dem Außenanlagenkonzept. Eine klare Struktur, schnörkellos und fast schon ein bisschen Bauhaus.

Das passt dann auch wieder zum Bauhaus-Jubiläum, das 2019 gefeiert wurde. Diese klaren Strukturen finden sich auch in einigen anderen unserer Wohnheime wieder, z. B. in der Zanderstraße in Brandenburg an der Havel oder am Mühlenteich in Golm – aber im Neubau sind diese, meiner Meinung nach, besonders gut umgesetzt.

Inwiefern haben sich die Bedürfnisse der Studierenden in Bezug auf das Wohnen verändert?

AW: Bereits in den zurückliegenden Jahren als beispielsweise Wohnheime in Wildau und in der Potsdamer Breiten Straße gebaut bzw. saniert wurden, war eine klare Tendenz zum vereinzelten Wohnen zu erkennen. Nachdem davor Studierende oftmals in WGs zusammen wohnen wollten, war der Wunsch nach den richtig eigenen vier Wänden mit eigenem Bad und integrierter Küche zu diesem Zeitpunkt bereits viel ausgeprägter. Dieser Trend hat sich zuletzt eher noch verstärkt.

Während eine gemeinsam genutzte Küche für viele Studierende noch in Ordnung geht, ist ein eigenes Bad für viele ein Must-Have. Bei unseren Neubauten versuchen wir dieses Bedürfnis einerseits zu berücksichtigen und andererseits möchten wir natürlich so vielen Studierenden wie möglich diesen bezahlbaren Wohnraum offerieren. Da müssen wir pragmatisch entscheiden. Es bleibt also bei einem Mix aus Ein-Zimmer-Apartments, WGs und in den Neubauten in Golm und Wildau eben auch Ein-Zimmer-Apartments, die mit zwei Bettplätzen ausgestattet sind, um noch mehr Wohnraum zu schaffen.

Wir sind das einzige Studentenwerk in ganz Deutschland, das solche Ein-Zimmer-Apartments mit zwei Bettplätzen per se mit einplant. Wir finden gemeinsam mit den Architektur- und Planungsbüros auch inzwischen immer bessere Lösungen für diese Wohnform. Vor allem versuchen wir so viel Privatsphäre wie möglich in den Grundrissen vorzusehen. Im Neubau in Golm gibt es zudem zwei separate Lernräume, deren Nutzung vorrangig für die Bewohner*innen solcher doppelt belegten Apartments vorgesehen ist.

Ansonsten haben sich selbstredend die technischen Bedürfnisse verändert. Eine schnelle Internetverbindung wird von den Studierenden im Wohnheim erwartet. Der Telefonanschluss hingegen wird nicht mehr genutzt und von uns auch bei der Planung von Neubauten gar nicht mehr vorgesehen. Den klassischen Fernsehanschluss gibt es noch, wer weiß, wie dahingehend die Entwicklung voranschreitet. Der digitale Wandel wird uns auch in Zukunft beim Konzipieren und Bauen von Wohnanlagen beschäftigen.

Die Innenausstattung versuchen wir mittlerweile möglichst zeitlos anzugehen. Die Funktionalität steht dabei im Vordergrund. Bei früheren Wohnheimbauten ist teilweise eine starke Handschrift der Architekt*innen zu sehen, auch im Innenausbau. Da verfolgen wir indessen einen zurückhaltenden Ansatz. Auch die Möblierung soll schlicht und wohnlich zugleich aussehen.

Das Studierendenwohnheim der Zukunft: Welche Trends sind zu beobachten und inwiefern sind solche Konzepte anwendbar auf das studentische Wohnen?

AW: Als Bauingenieurin stellen sich mir allerhand Fragen:
Wie nachhaltig wollen wir sein? Für welchen Nutzungszeitraum bauen wir – für 20 Jahre, 50 Jahre, 100 Jahre? Wie wird sich das Studieren an sich und das damit verbundene Campusleben verändern?

Möglicherweise gestaltet sich ein Studium in Zukunft viel dezentraler. Studieren, Leben, Wohnen findet dann möglicherweise nicht mehr zwingend an einem Ort bzw. auf einem Campus statt. Das hätte Folgen für das Bauen von Studierendenwohnheimen. Derzeit ist der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum für Studierende groß. Aber wie gehen wir damit um, falls dieser abebbt? Kann das Gebäude dann bestenfalls umfunktioniert werden, weil es so von Anfang an mit bedacht wurde, z. B. in ein Seniorenheim oder ein Bürogebäude?

Geht es darum, Wohnraum für eine lange Nutzungsdauer zu schaffen oder reicht es, in Modulbauweise schnell ein Gebäude zu errichten, das dann aber vermutlich nicht so lange standhält? Das Thema Modulbauweise wird immer wieder an uns herangetragen und was die Qualität des Wohnens und die Langlebigkeit angeht, hat sich in diesem Bereich zuletzt eine Menge getan.

Das Prinzip Fertigteile aufeinander zu setzen, ist ja auch kein neues. Denn nicht anders wurde auch der klassische DDR-Plattenbau errichtet. Egal ob Tiny House, Modulbau oder ganz konservativ Stein auf Stein: Alles hat seine Berechtigung. Wir Bauverantwortlichen müssen dabei aber immer hinterfragen, für wen baut man, für wie lange und das verbunden mit standortspezifischen Besonderheiten.
Wir müssen so oder so – und das gilt für alle Bereiche – flexibel denken.

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Eröffnet im November 2019: Die Wohnanlage in der Kaiser-Liebknecht-Straße 24/25
Helle, lichte Räume freuen sich auf die neuen Bewohner*innen. Foto: S&P – Felix Löchner
Als einziges Studentenwerk in Deutschland bieten wir Zwei-Bett-Apartments an. Für ein ablenkungsfreies Studieren gibt es die separaten Lernräume.
Konnte erhalten werden: Ein Mosaik aus der Zeit der Juristischen Hochschule Potsdam (1951 - 1989) regt zur Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit des Standortes Golm an.