„Bei der Wohnungssuche in Potsdam ist Improvisationstalent gefordert“

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– Interview mit Studierendenvertreter und Service Point Mitarbeiter Tilman Kolbe

Tilman Kolbe absolviert an der Universität Potsdam ein Jura-Studium. Zudem engagiert er sich u.a. als stellvertretendes Mitglied im Akademischen Senat und bei den GEW-Studis Brandenburg. Am Service Point des Studentenwerks Potsdam berät er Studierende und vermittelt sie an die für sie zuständigen Ansprechpartner*innen.

"Ist Potsdam eine lebenswerte Stadt, in der die Infrastruktur für Studierende stimmt?", wollte Josephine Kujau von dem Studierendenvertreter wissen. Das Interview erschien erstmalig im Geschäftsbericht 2019 des Studentenwerks Potsdam.


Was zeichnet Potsdam für dich als Studierendenstadt aus? Oder anders gefragt: Nimmst du sie überhaupt als Hochschulstadt wahr?

TK: Ich habe mich damals ganz bewusst für Potsdam entschieden und wollte gerade nicht in so eine Großstadt wie Berlin. So bleibt es etwas familiärer und trotzdem gibt es – auch wenn es das Klischee manchmal anders will – schon eine ziemlich breite studentische Szene und viele Möglichkeiten sich hier zu treffen. Ich bin in Brandenburg geboren und wollte hier auch bleiben. Das hat alles sehr gut zusammen gepasst. Aber es stimmt schon: Viele meiner Kommiliton*innen pendeln auf den Campus und fahren abends zurück nach Berlin. Das ist natürlich schade. Aber ich habe auch das Gefühl, dass es gerade eine Trendumkehr gibt und immer mehr Studierende in Potsdam auch tatsächlich wohnen und das studentische Leben auskosten wollen. Es gibt Freiräume an den Unis: Das Pub à la Pub, das sich selbst organisiert, es gibt das KuZe – das Kulturzentrum –, was von der Studierendenschaft selbst organisiert wird und das NIL, das hoffentlich bald wieder aufmacht. Das habe ich Laufe meines Studiums Stück für Stück kennengelernt und gemerkt, dass es da wirklich viel gibt. Und mittlerweile würde ich schon von einer Studierendenstadt sprechen.

Auf einer neuen Broschüre des Studentenwerks prangt das Motto: SANS SOUCI - Studieren ohne Sorgen! Hast du den Eindruck, dass die sozialen Rahmenbedingungen an der Hochschule stimmen und du tatsächlich ohne Sorgen studieren kannst?

TK: Ich habe das Gefühl, dass sie zurzeit immer weniger stimmen. Sofern Studierende nicht das Glück haben, einen günstigen Platz im Wohnheim zu ergattern, wird für sie der Studienstart kompliziert. Beim Studentenwerk ist die Miete bezahlbar und verlässliche Ansprechpartner*innen sind für einen da. Aber wenn man nicht zu diesen glücklichen 10 % gehört, ist es auf dem freien Wohnungsmarkt enorm schwierig. Eine günstige Bleibe zu finden, ist wirklich nicht so leicht.

Ein anderer Punkt: Die viel zu vollen Mensen auf dem Campus. Die Mensen stellen ein gutes Essen bereit, aber die Kapazitätsgrenzen sind definitiv ausgereizt. Zumindest weiß ich es aus Griebnitzsee und Golm. Dort sind täglich viel zu viele Leute, die versuchen gleichzeitig Mittag zu essen. Es ist mittlerweile unmöglich zur Vorlesungszeit in Griebnitzsee innerhalb der Mittagspause essen zu gehen. Das ist schon echt ein Problem. Ich weiß, dass es schon seit längerer Zeit vom Studentenwerk Bemühungen gibt, dass die Mensa umgebaut und vergrößert wird. Aber ich habe den Eindruck, dass die Hochschulleitung und das Land diese Problematik als Randthema behandeln und überhaupt nicht begreifen, dass eine gute Verpflegung für die Studierenden sehr wohl wichtig ist, gerade an Standorten, wo es wenig Alternativen gibt. Da wünschte ich mehr Engagement von allen Beteiligten.

Und überhaupt fällt mir auf: Es werden immer schöne Zahlen präsentiert, die Internationalisierung geht voran und die Studierendenzahl entwickelt sich auch positiv. Aber es wird immer nur in Zahlen gedacht und überhaupt nicht überlegt, wie Freiräume an den Unis gehalten oder neu geschaffen werden können. Wie schaffen wir es, dass die Leute was zu essen bekommen? Wie schaffen wir es, dass ein Studium nicht an der unbezahlbaren Bleibe scheitert? Wie schaffen wir es, dass die Leute ihr Studium in der vorgegebenen Zeit durchziehen können? Das sind Fragen, die mich und auch die Studierendenvertretungen beschäftigen.

Nur knapp 10 % können aktuell mit einem günstigen Platz im Wohnheim versorgt werden. Wie finden denn die anderen 90 % der Studierenden bezahlbaren Wohnraum?

TK: Da ist viel Improvisationstalent gefragt. Ich weiß von einigen, dass sie zum Studienstart in Brandenburger Ferienhäusern von Freunden der Familie gewohnt haben. Teilweise wurde auch erst einmal in der Jugendherberge Unterschlupf gefunden. Mit der Zeit findet sich meist etwas über „wg-gesucht“ oder die entsprechend großen Wohnungsanbieter. Allerdings oftmals zu einem Preis, der ein studentisches Budget weit übersteigt. Schwer hatten es vor allem jene, deren Eltern nicht so viel verdienen. Einige Kommiliton*innen, die aus Berlin/Brandenburg kommen, haben weiterhin bei ihren Eltern gewohnt, obwohl der Plan eigentlich ein anderer war. Eine Freundin von mir kommt aus Grünheide und ist jeden Tag jeweils 2 Stunden zur Fachhochschule hin und dann wieder zurück gependelt. Es studiert sich dann natürlich nicht besonders gut, wenn man der Großteil des Tages mit Pendeln verplant ist.

Das Studentenwerk Potsdam vermietet als einziges Studierendenwerk Deutschlands in seinen Neubauten Doppelzimmer-Apartments, bei denen zwei Studierende in einem Zimmer zusammen wohnen. Was hältst du davon?

TK: Ich bin bei diesem Thema etwas gespalten. Einerseits war das ja eine Maßnahme, die aus der Not heraus geboren wurde und es hat sich für mich zunächst als ein weiteres Symptom der grassierenden Wohnungsnot dargestellt. Andererseits könnte diese Idee aus meiner Sicht aber auch echt Potenzial in sich tragen. Einen gewissen Bedarf an Menschen, die gerne so unterkommen möchten – zum Beispiel Paare oder internationale Programmstudierende, die Anschluss suchen - wird es sicherlich geben. Und tatsächlich wird so insgesamt mehr Studierenden eine Unterkunft ermöglicht. Alles in allem ist es für mich aber keine Maßnahme, die flächendeckend eingesetzt werden sollte. Da finde ich es schon richtig, dass die meisten Studierenden ihre eigenen vier Wände zum Wohnen haben. Davon sollte nicht grundsätzlich abgerückt werden.

Gemeinsam mit dem Hans Otto Theater initiierte das Studentenwerk zum Wintersemester 2018/19 eine Theater-Flatrate. Die Studierendenvertretung der Uni Potsdam wollte an der Pilotphase und darüber hinaus das Projekt nicht an dem kostenlosen Angebot teilnehmen. Du bist und warst selbst in verschiedenen Gremien der Uni tätig. Hast du einen Einblick, warum das Projekt nicht gut ankam?

TK: Die Hauptkritik war, dass im ungünstigsten Fall den Studierenden nur Restkarten zuteil werden. Es gab zudem die Befürchtung, dass die Karten insgesamt nicht ausreichen würden, wenn plötzlich 20.000 Studierende mehr Anspruch darauf hätten. Sofern ich es überblicke, wollte die Studierendenvertretung es vermeiden, dass das Theater ein gutes Geschäft damit macht und die Studierenden am Ende nur an ohnehin nicht ausverkauften Veranstaltungen teilnehmen dürfen und die Kassenschlager außen vor bleiben.

Das empfanden wir als nicht gerecht und haben uns um Alternativen bemüht. Daraus resultierte eine Kooperation mit dem Filmmuseum. So kann man nun dort kostenlos in die Ausstellung gehen und sich bspw. historische Filme anschauen, bei denen es dazu noch Live-Musik gibt. Dabei genügt es, nur den Studierendenausweis vorzuzeigen. Wir haben den Eindruck, dass das Medium Kino Studierende eher erreicht als das Theater. Wir haben bislang allerdings noch keine Zahlen erhoben, wie intensiv das wirklich genutzt wurde. Vom AStA initiierte Umfragen ergaben außerdem, dass Besuche im Hans-Otto-Theater das Gros der Studierenden tatsächlich kulturell in Potsdam nicht so stark anspricht.

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Tilman Kolbe studiert Jura an der Universität Potsdam. Als Mitglied in studentischen Gremien spiegelt er dem Studentenwerk Potsdam die Situation von Studierenden. Er arbeitet seit Herbst 2019 am Service Point.